Ausstellungen

Klassenverhältnisse - Phantoms of Perception

27. Oktober 2018 - 27. Januar 2019, Eröffnung: 26. Oktober

Mit u.a. Neil Beloufa, Benedikte Bjerre, Monica Bonvicini, Harun Farocki / Antje Ehmann, Jan Peter Hammer, Thomas Hirschhorn, Katie Holten, Sven Johne, Los Carpinteros, Henrike Naumann, Driss Ouadahi, Sigmar Polke, Ariel Reichman, Joe Scanlan, Andrzej Steinbach, Jean-Marie Straub / Danièle Huillet, Anna Witt, Tobias Zielony


In einer großen Gruppenausstellung widmet sich der Kunstverein in Hamburg heutigen Narrativen von Klassenzugehörigkeit, Fall und sozialen Unterschieden, die als selten artikulierte Phantome in der öffentlichen Wahrnehmung stets präsent sind, und zeigt Künstler, deren Arbeiten uns zwingen, die Aufmerksamkeit auf solche Zusammenhänge zu richten, die außerhalb des bewussten Sichtfeldes liegen, aber unsere Wahrnehmung von gesellschaftlichem Zusammenleben entscheidend bestimmen.

Ausgangspunkt der Ausstellung Klassenverhältnisse ist der gleichnamige Film von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet aus dem Jahr 1984, eine Verfilmung von Franz Kafkas Romanfragment Der Verschollene, das den gesellschaftlichen Auf- und Abstieg des jungen Karl Roßmann erzählt. In Klassenverhältnisse beginnt die Handlung in Hamburg und auch alle weiteren Szenen, die in Amerika spielen, wurden hier gedreht. Der Untertitel der Ausstellung ist bewusst Englisch gehalten. Er vollzieht die transatlantische Bewegung Karl Roßmanns nach, bei der er feststellen muss, dass die sozialen Hierarchien ihn stets begleiten.

Das Bild des Gespenstes ist zentral in Auseinandersetzungen mit sozialen Realitäten, man denke an Karl Marx' „Gespenst des Kommunismus“ das Joseph Vogl in einem der viel rezipierten Essays der letzten Jahre während der Hochzeit der Wirtschafts- und Schuldenkrise als Folie für seine Analyse wirtschaftswissenschaftlicher Deutungsmodelle in Das Gespenst des Kapitals (2010) diente, und nicht zuletzt Günther Anders, der den Begriff in die Medienreflexion einführte, als er die postulierte Gegenwärtigkeit der Massenmedien die „über alles rein Bildhafte hinausgeht“, als „Zwischending zwischen Sein und Schein“, als „Phantom“ auf den Punkt brachte. Phantoms of Perception verweist darauf, wie Künstler Perspektiven einnehmen, die normalerweise nicht von Personen eingenommen werden. Mit vergleichbarer Perspektive blickt die Ausstellung auf die Kunstwerke, auf das direkte Umfeld und konfrontierende Brechungen, die Perspektiven, die sie einnehmen, ihre Konstruktion und Erweiterung des bildlichen Raums, um davon ausgehend den Blick zu öffnen.

Die zentralen Fragestellungen der Ausstellung orientieren sich an den aktuellen Problemstellungen der Illusion der klassenlosen Gesellschaft: Klassenverhältnisse existieren, aber als Phantome, denn die Begriffe, die sie beschreiben, sind heute im öffentlichen Diskurs, in Kultur und Medien kaum noch präsent. Die Ausstellung schaut hinter die Mechanismen, mit denen Künstler im Binnenraum der zeitgenössischen Kunst unseren Wahrnehmungsraum erweitern und auf die sozialen Realitäten, mit denen sie uns dort konfrontieren, und fragt nach den Phantomen, die unsere Gesellschaft gegenwärtig umtreiben in Machtmechanismen, die gläserne Decken einziehen, in den Ursachen eines erstarkenden Rechtspopulismus und in der scheinbar umgreifenden Angst vor dem sozialen und wirtschaftlichen Abstieg. Sie verhandelt diese Themen, die im Zentrum der Herausforderungen für das Gelingen von Gesellschaften im 21. Jahrhundert stehen, nicht als abstrakte und entrückte, sondern auch mit dem Erfahrungsraum ganz konkreter Lebenswirklichkeit durch die Rückbindung von Karl Roßmanns universeller Odyssee an Hamburg.