Ausstellungen

Quantification Trilogy

Jeremy Shaw

26. Mai – 22. Juli 2018, Eröffnung: 25. Mai

I Can See Forever, 2018
Photo by Timo Ohler and courtesy by the Artist and KÖNIG GALERIEPhoto by Timo Ohler and courtesy by the Artist and KÖNIG GALERIEPhoto by Timo Ohler and courtesy by the Artist and KÖNIG GALERIEInstallationsansichtI Can See Forever, 2018Liminals, 2017

Jeremy Shaw arbeitet mit einer Vielzahl von Medien, um veränderte Bewusstseinszustände und die kulturellen und wissenschaftlichen Praktiken zu erforschen, die transzendentale Erfahrung erzeugen wollen. Oft kombiniert und erweitert er Strategien des Cinéma Vérité, der Konzeptkunst, des Musikvideos und der esoterischen und wissenschaftlichen Forschung. Shaws Arbeiten schaffen einen postdokumentarischen Raum, in dem disparate Glaubenssysteme und -geschichten als interpretativer Reigen vermengt werden.


Im Mittelpunkt von Shaws erster großen Einzelausstellung in Deutschland stehen drei parafiktionale Kurzfilme: Quickeners (2014), Liminals (2017) und I Can See Forever (2018), wobei letzterer in Hamburg seine Uraufführung feiert. Diese Trilogie von thematisch verschränkten Arbeiten präsentiert marginalisierte Gesellschaften der Zukunft und ihr Engagement in transzendentalen Aktivitäten als potentielle Werkzeuge der Evolution.


Quickeners wirft einen Blick 500 Jahre in die Zukunft und erzählt die Geschichte des „Human Atavism Syndrom“ (Menschliches Atavismus-Syndrom), eine obskure Erkrankung, die einen kleinen Teil der sogenannten „Quantum-Menschheit“ begehren und fühlen lässt, wie ihre Vorgänger, die Menschen, es einmal taten. Die neue Spezies Mensch, deren Handeln einzig auf rationalem Denken basiert, hat eine direkte neurologische Verbindung zum „Hive“ und Unsterblichkeit entwickelt. Während sich der Film um das neu vertonte Schlangenritual einer Kirche der Pfingstbewegung herum entfaltet, kommentiert ein autoritärer Quantum-Mensch das Gezeigte: nicht entzifferbare Zeugnisse, Predigten, Lieder, Gebete, krampfhaftes Tanzen, Sprechen in fremden Zungen, das Hantieren mit Giftschlangen und ekstatische Zustände, die von den Quantum-Menschen als „Quickening“ bezeichnet werden.


Der pseudodokumentarische Science-Fiction-Film Liminals zeigt eine marginalisierte Gesellschaft der Zukunft mit etwa drei Generationen Abstand zum Heute, die versucht, die Menschheit durch mittlerweile aufgegebene transzendentale Aktivitäten vor dem Aussterben zu bewahren. In Anlehnung an das Cinéma Vérité der 1970er-Jahre, begleitet der Film acht Subjekte, die sich in unterschiedlichen kathartischen und rituellen Praktiken üben, von Wirbeltanz und Kundalini-Meditation bis hin zu modernem Tanz und Headbanging. Sie glauben, dass dies in Verbindung mit Maschinen-DNS zu Gehirnerweiterungen führt, die den Zugang zu "The Liminal" ermöglichen – einem spekulativen Pararaum zwischen Physikalität und Virtualität, in dem sich die Menschheit vorübergehend in einem Reifeprozess zu einer neuen Phase der Evolution befindet.


I Can See Forever spielt 40 Jahre in der Zukunft und ist als eine Episode einer Fernsehdokumentation namens "The Singularity Project"gedreht. Es wird von einem gescheiterten Regierungsexperiment berichtet, das auf eine harmonische Synthese von Mensch und Maschine abzielte. Diese spezielle Folge ist ein Bericht im Vérité-Stil über den einzig bekannten Überlebenden dieses Projekts, den 27-jährigen Roderick Dale. Geboren mit einer 8,7-prozentigen Maschinen-DNS-Biologie, aber uninteressiert an der virtuellen Realität seiner Zeit, hat sich Dale ganz dem Tanz verschrieben. Während seiner einzigartigen virtuosen Tätigkeit behauptet er, "Für immer sehen" (See Forever) zu können - ein vielschichtiger und umstrittener Begriff, den er als die Fähigkeit definiert, sich auf eine digitale Ebene der totalen Einheit zu begeben und gleichzeitig eine körperliche Präsenz zu bewahren.


Die zentrale Filmtrilogie wird durch die Serie Towards Universal Pattern Recognition ergänzt, die gefundene Archivfotos von Menschen in verschiedenen Stadien religiöser oder mystischer Entrückung darstellt. Unter den eigens gefertigten prismatischen Rahmen wird das Bild kaleidoskopisch wiederholt und verzerrt, was den Zustand der verqueren Wirklichkeitswahrnehmung der Abgebildeten nochmals unterstreicht. Indem Shaw einen optischen Effekt, der gemeinhin mit der filmischen Wiedergabe psychedelischer Erfahrungen assoziiert wird, auf dokumentarische Aufnahmen religiösen Rausches anwendet, behauptet der Künstler ein universelles Muster für jegliche Erfahrung von Transzendenz; ganz gleich, ob spirituelle, hedonistische, technologische oder sonstige Momente der Wirklichkeitsflucht.


Jeremy Shaw, geboren 1977 in North Vancouver, lebt und arbeitet in Berlin. Er gewann 2016 den Sobey Art Award und war 2017 Teilnehmer der 57. Venedig Biennale. Shaw war in Einzelausstellungen im MoMA PS1, New York, dem Schinkel Pavillon, Berlin, und dem MOCCA, Toronto, vertreten. Er war Teil internationaler Gruppenausstellung; unter anderem in der Kunsthalle Wien, dem Haus der Kunst in München und dem Palais de Tokyo in Paris. Derzeit ist er Stipendiat des Hammer Museum in Los Angeles.


Quantification Trilogy entsteht in Kooperation mit der Esker Foundation in Calgary, Kanada.


Im Rahmen der Ausstellung entsteht eine umfangreiche Publikation.


Unser Dank gilt:

Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, der Botschaft von Kanada und Medienboard Berlin Brandenburg und KÖNIG GALERIE, Berlin