Ausstellungen

Women Between Buildings

Nicole Wermers

3. März 2018 - 6. Mai 2018, Eröffnung: 2. März

Nicole Wermers, Women Between Buildings, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, Foto:Fred Dott
Nicole Wermers, Women Between Buildings, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, Foto:Fred DottNicole Wermers, Women Between Buildings, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, Foto:Fred DottNicole Wermers, Women Between Buildings, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, Foto:Fred DottNicole Wermers, Women Between Buildings, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, Foto:Fred DottNicole Wermers, Women Between Buildings, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, Foto:Fred Dott

Mit Women Between Buildings zeigt der Kunstverein in Hamburg die bislang umfassendste Einzelausstellung von Nicole Wermers in Deutschland. Die Künstlerin arbeitet in skulpturalen Werkserien und schafft Objektwelten, die dem profanen Alltagsdesign entnommen sind. Funktionale Elemente werden zum Ornament einer soziopolitischen und historischen Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Umgebung, sei es anhand der Formensprache der Moderne oder des uns umgebenden urbanen Raums. Der bis ins kleinste Detail durchkonzipierte öffentliche Raum, in dem alle visuellen, haptischen und hörbaren Merkmale und Objekte strategisch gestaltet werden, ist bestimmt von Affekten. Wermers legt genau diese Stimulanzen frei und weist auf die Formung des Menschen durch die ästhetischen Dinge hin. Wie Walter Benjamin bereits 1928 beschrieben hat, sind uns die Dinge zu sehr auf den Leib gerückt. Es bedarf der Distanznahme, um zu verstehen, wie das menschliche Funktionieren im gesellschaftlichen System forciert wird.


Die Ausstellung zeigt Arbeiten der vergangenen 10 Jahre, darunter auch Untitled Chairs aus der 2015 für den Turner Prize nominierten Ausstellung Infrastruktur, aber auch zwei neue, speziell für die Ausstellung hergestellte Skulpturen. Die früheste der gezeigten Arbeiten, das Video Palisades (1998), die noch während Wermers’ Zeit in Hamburg entstand, bildet eine inhaltliche Klammer der Ausstellung. Die Künstlerin eignet sich halböffentliche Orte mit einer auf den Kopf gestellten Kamera an, die den Eindruck erweckt, als würde sie auf der Decke laufen. Hotels, Firmenlobbys und das CCH Hamburg werden zu rätselhaften, austauschbaren Endlosarchitekturen, deren Details ihrer Funktion enthoben, uns wie abstrakte Skulpturen oder Ornamente erscheinen.

Die formal an Brâncuși erinnernden Vertical Awnings (2016) sind Markisenskulpturen mit ausziehbaren Stoffen, die aufrecht im Ausstellungsraum stehen. Textilien werden häufig eingesetzt, um sich öffentlichen Raum anzueignen, ihn aufzuteilen, zu privatisieren, zu domestizieren oder überhaupt erst zu generieren. Dass sie sich dafür eignen, hat mit ihren Materialeigenschaften zu tun (Textilien sind flexibel, durchlässig und dehnbar), aber auch mit unserer Wahrnehmung von ihnen als harmlos und unbedenklich. Eine textile Grenze erscheint immer verhandelbar.

Wermers’ Wandarbeiten mit dem Titel Mood Boards (2016) sind zweckentfremdete, faltbare Wickelstationen öffentlicher Toiletten, die im Alltag Arbeitsflächen in engen Räumlichkeiten schaffen. In diese hat die Künstlerin verschiedenfarbigen Terrazzo gegossen. Der traditionell am unteren Ende des architektonischen Wertekanons liegende Fußboden wird auf die Ebene des Displays erhoben. Architektonische Hierarchien sowie historische und zeitgenössische Merkmale öffentlichen Raums werden neu durchmischt und gängige Verhaltensmuster unterlaufen. Ähnlich wie die Mood Boards sind die Dishwashing Sculptures (2013-17) adaptierte Readymades, die mit Graden von Funktion und Zweckentfremdung spielen, diese aber in das häusliche Umfeld verlagern. In prekären Assemblagen von zum Trocknen aufgetürmten Töpfen, Porzellan und Küchengerät kontrastieren architektonische Ambitionen und gewagte Statik mit weiblich konnotierter reproduktiver Arbeit.


Wermers’ Auseinandersetzung mit unseren durchgestalteten Lebenswelten lassen sich als „Gegenästhetisierung“ lesen. Die Künstlerin fordert eine Teilhabe an der Materialität und den Oberflächen ein, über die sich öffentliche und private, urbane und warenkulturelle, architektonische und mediale Räume und Umgebungen definieren.

Women Between Buildings, der Titel der Ausstellung erinnert an das Standardwerk zur Städteplanung Life between Buildings des dänischen Autoren Jan Gehl aus den 1970er Jahren, in dem er über Verantwortung in der Städteplanung schreibt und gerade die Zonen des Übergangs und der Kommunikation als unabdingbar für den Aufbau von Gemeinschaft beschreibt. Wermers fokussiert jedoch auf die Realität kommodifizierter, urbaner Transiträume, in denen Begriffe wie Gemeinschaft eher mit der Werbekampagne einer Versicherung assoziiert werden.


Zur Ausstellung erscheint gemeinsam mit Compagnia und Motto Books eine umfassende Publikation mit Texten von Sabeth Buchmann, Kerstin Stakemeier und David Bussel.



Nicole Wermers (*1971 in Emsdetten, lebt und arbeitet in London) hat bei Sigmar Polke und Claus Böhmler an der Hochschule für bildende Künste Hamburg studiert sowie am Central Saint Martins College of Art and Design in London. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen war sie 2015 für den Turner Prize nominiert.



Unser Dank gilt:
Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg

Herald St, London
Tanya Bonakdar Gallery, New York Jessica Silverman Gallery, San Francisco Produzentengalerie, Hamburg